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Los geht's

Barcelona unter Strom

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Pageflow: Jochen Vorfelder
Photografie: Damiano Fiorentini

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Komm nach Barcelona, hatte es geheißen. Genieß die Stadt, die Ramblas und die warmen Abende. Komm ins Barrio Gràcia, hier tobt das Leben in der Nacht. Und vor allem: Fahr raus ins katalanische Hinterland, über kleine, schnelle Straßen, die der Guardia Civil mit ihren Argusaugen viel zu abgelegen sind.

Das passende Fahrzeug geben wir dir dafür drauf, einen schönen Speed-Roadster, die Batterien voll geladen für Tagesreisen: die Eva von Energica, das heißeste E-Bike auf dem Markt.


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Hörte sich gut an, sehr entspannt. Aber die Realität in der katalanischen Metropole ist schon kurz nach der Ankunft einen ganz andere: Die Fahrt vom Flughafen El Prat zum Hotel wird zum elenden Geduldsspiel; für zwölf Kilometer braucht das Taxi über 90 Minuten. Der Fahrer flucht über den täglichen Verkehrskollaps, meine Laune ist auch nicht die allerbeste.

Verkehrstechnisch spielt Barcelona in der Champions-League mit anderen europäischen Stau-Metropolen wie London oder Paris: Die Stadtautobahnen und die großen urbanen Magistralen sind dauerverstopft, auf jeden der 1,6 Mio. Einwohner kommen statistisch etwa 2,9 Fahrzeuge. Insgesamt sind im engeren Stadtgebiet rund 570.000 PKW, 270.000 Motorräder und Scooter sowie 60.000 Lastwagen registriert. Die Luft in Downtown Barcelona ist die schlechteste in Spanien.

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"Aufatmen wird die Stadt erst wieder, wenn wir die Verbrennungsmotoren aus dem Zentrum verbannt haben," sagt Borja Cabrera Costa. Seit der junge Ökonom, drei Jahre hat er in Karlsruhe studiert, in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist, quälen ihn Fragen der Mobilität.

Denn in dieser Sache ist Cabrera Costa eine gespaltene Persönlichkeit. Er liebt schnelle Fahrzeuge, aber analysiert auch ganz klar: "Dass jeder Mensch sein eigenes Fahrzeug besitzt, das hat keine Zukunft."

Seine Lösung: Cabrera Costa hat Barcelona Green Electric Cars gegründet und vermietet E-Fahrzeugen. In seiner "Electric Garage" stehen ausschließlich Tesla-Sportwagen und Energica-Superbikes. Ich bekomme für zwei Tage eine Energica und gute Tipps: "Lass Eva lieber im Hotel stehen, geh in Gràcia zu Fuß und fahr morgen eine schöne Runde durch Katalonien."

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Der Autoverkehr in den engen Gassen hat nachgelassen. Doch im Szenestadtteil Gràcia gilt: Je später der Abend, desto voller die Straßen. Das Volk, dass sich auf den Weg in die Bars und Tapas-Kneipen macht, ist mit dem Fahrrad oder gleich per Pedes unterwegs.

Es geht nicht anders in der Altstadt; das System von Einbahnstraßen und Sackgassen treibt selbst Einheimische in den Wahnsinn.

In der Calle Saragossa, draußen vor dem angesagten Dalt de Tot, drängeln sich eine bunte Mischpoke: spanische, katalanische, deutsche und englische Satzfetzen ergänzen sich zu einer fröhlichen Kakophonie.

Drinnen geht es vor der Theke genauso laut und lebendig zu; graumelierte Katalanen schlürfen Wein und Bier neben betuchten Punks. Junge Hipster mit aufgeschlagenem Reiseführer schielen nach die Schalen, die von den studentischen Servicekräften im Minutentakt herbeigeschleppt werden: Die Tapas-Auswahl im Dalt de Tot ist legendär.

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Im Frühtau zu Berge ... mit der Energica kein Problem, solange man antizyklisch fährt. Früh raus aus der Stadt, während sich auf den vier Gegenfahrbahnen das PKW-Geschwader ins Zentrum hinein tasten.

Nach einer halben Stunde biege ich kurz nach Castelldefels in eine unscheinbare Seitenstraße ab und winde mich über zahllose Serpentinen hoch in den Parc Natural del Garraf. Hinter mir versinkt Barcelona im Dunst.



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Roadster-Eva kommt aus dem Hause Energica, der Motorrad-Tochter der italienischen Hightechschmiede CRP. Die Italiener, die nahe Modena quasi die Straße hoch von Ferrari sitzen, drucken aus High End-Materialien 3D-Bauteile und beliefern Kunden wie die NASA und diverse Formel1-Rennställe.

Seit vier Jahren verkaufen die Besitzer Livia Cevolini und ihr Bruder Franco auch E-Motorräder vom Feinsten: klassischer Trellis-Rohrrahmen, geschwungener Aluminiumschwingarm, Marzocchi- oder Öhlins-Upside-Down-Gabeln.

Brembo-Bremsen und geschmiedete Räder halten einen elektrischen Powertrain in Spur, der grandiose Werte mitbringt. 11,7 kWh aus dem 110 Kilogramm schweren Batteriepaket, ein Drehmoment von 170 Nm ab den ersten Umdrehungen, und eine gedeckelte Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometern.

Das lässt viele andere Roadster sehr alt aussehen.

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Ganz oben auf dem Hochplateau del Garraf liegt auf dem Weg zum Weiler Olivella abgelegen das buddhistische Kloster Sakya Tashi Ling. Gebaut wurde die Anlage vor weit über hundert Jahren als extravagantes Jagd- und Herrenhaus, bevor es der Staat übernahm, und lange Jahrzehnte mehr schlecht als recht über die Zeit brachte.

Seit die Mönche im Jahr 1996 ihr Refugium bezogen haben, steht der Ort unter dem geistigen Schutz Seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Ein schmaler Pfad mit vielen Schlaglöchern führt hoch zum Eingang. Gebetsfahnen flattern im leichten Wind und tragen - so die Annahme der Gläubigen - aufgedruckte Gebete und Mantras dem Himmel zu.


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Es scheint vollkommen still hier oben, erst wenn man den Helm abnimmt und sein Ohr an das wettergegerbte Holztor drückt, vernimmt man leise, melodische Gebetsgesänge.

Die lautmalerische Liternei soll helfen, Energie für die Meditation zu sammeln und Hindernisse der geistigen Vertiefung aus dem Weg zu räumen.

Der Ort ist, wenn man aus dem pulsierenden Barcelona kommt, wie aus der Zeit gefallen. Doch über dem Sakya Tashi Ling-Kloster, das an Wochenenden das Tor für Besucher öffnet, liegt eine unwirkliche Stärke und Autorität.

Wie froh bin ich, hier mit einem leisen Elektro-Racer vorgefahren zu sein. Wie unsäglich deplatziert und peinlich wäre jetzt eine Akrapovic-Anlage gewesen.

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Sitges wird von Kurzbesuchern meist unterschätzt. Wenn man sich von der Küstenautobahn her nähert, quert man nichtssagende Vororte und passiert heruntergekommene Kleinbetriebe. Die Hälfte der Anwesen ist vergittert und verrammelt. Es sind alternde Feriendomizile, die schwärende Gürtelrose der spanischen Küste.

Erst direkt unter am Meer an den 17 Stadtstränden entdeckt man den Charme der Stadt, in der sich zu Zeiten des Diktators Generalissimo Franco die Opposition versteckt hielt, und in der später die spanische Schwulen- und Lesbenbewegung ihr Coming Out hatte.

Ich bin nicht - wie es sich in Sitges traditionell gehört - im einem der vielen Gay Places abgestiegen, sondern im Hotel San Sebastián Playa am gleichnamigen Strand, das mit einer Schnellladeeinheit für E-Fahrzeuge punktet. Die Energica saugt daraus innerhalb von 40 Minuten achtzig Prozent ihrer maximalen Batterieladung.


  



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Sitges ist wie Barcelona, das allein 132 Stationen vorweisen kann, und der gesamte Küstenbereich von Katalonien von einem dichten Netz von privaten, aber staatlich geförderten Schnelladestationen überzogen. Wer bei Barcelona Green Electric Cars eine Energica mietet, bekommt eine Übersicht aller Stationen und eine Chipkarte zu kostenlosen Füllung - und los.

"Ich kenn das schon", hatte Borja Cabrera Costa bei unserem Treffen in der "Electric Garage" gesagt. "Die Leute mieten sich eine Energica, aber trauen sich nicht über die Stadtgrenze hinaus. Dabei ist beim E-Motorrad mit kalkulierbaren Reichweite alles nur eine Frage der effizienten Planung."

Planung?

"In Katalonien geht man z. B. mindestens eineinhalb Stunden Mittagessen. Genug Zeit also, um die Energica randvoll zu machen. Kein Problem, ich markiere Dir auf dem Plan alle Restaurants und Hotels mit Schnellladern im Umkreis von 120 Kilometern."    

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Nur wenige hundert Meter vom Hotel in Sitges entfernt liegt die Taperia Akelarre, die von außen nicht viel hermacht. Dort werden aber nach übereinstimmenden einheimischen Stimmen die besten Pintxos, baskische Tapas, weit und breit serviert.

Das kulinarische System Taperia ist denkbar einfach: Möglichst köstliche Spezereien aus dem Meer und von der Weide werden auf geröstetem Brot von Zahnstochern oder Holzspießchen zusammengehalten und frisch serviert. Wobei die Hölzer wichtig sind: Nach ihrer Anzahl wird am Ende die Rechnung gestellt.

Entscheidend bei Pintxos ist neben der selbstverständlichen Qualität der Ware die Kreativität des Koches . Beides ist in den Taperia Akelarre schon an normalen Wochentagen mundwässernd hoch.

Ich hatte das Glück, die Taperia an einem ganz besonderen Datum zu besuchen: Am "'Abend des Wunders von Camp Nou". An diesem Tag fegte der totgesagte FC Barcelona die Franzosen von St. Germain Paris mit 6:1 aus dem Stadion.

Merke: Männer müssen nicht schwul sein, um sich freudetrunken, singend und herzend in den Armen zu liegen.

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Auf dem Rückweg von Sitges nach Barcelona erreiche ich auf der Küstenstraße C-31 den Escalada En Garraf: einer der schönsten Aussichtspunkte an der über 1300 Kilometer langen Küste zwischen Frankreich und Gibraltar.

Vor mir liegt wie ein im Nebel verschwindender Moloch das riesige Barcelona; hinter mir habe ich das überschaubare Sitges und den eleganten Riesenslalom entlang hundert grandioser Kurven gelassen.

Motorräder werden für solche Strecken gebaut: schön langestreckte Radien, schnelle übersichtliche Passagen. Eva schlägt sich hier hervorragend, im Sport-Modus pfeift ihr E-Motor wie ein Kampfjet, der von einem Flugzeugträger abheben will.

Der Schub, mit dem sie Richtung Horizont drängt, ist massiv und betörend.

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Salvador Rueda ist sichtlich interessiert, als ich ihm von Borja Cabrera Costa und seiner Vermietung von E-Bikes im Barrio Sant Martí berichte. Denn just dieser Stadtteil ist zur Zeit Ruedas Experimentierfeld.

Alle Ansätze, die Herrschaft des Automobils über die Straße zu brechen und Städte dadurch wieder lebenswerter zu machen, treiben den Graubart mit den blitzenden Augen seit über dreißig Jahren um. Jetzt ist Rueda der Leiter der Behörde, die den Bürgern von Barcelona ihre Stadt und die Luft zum Atmen zurückgeben soll.

"Unsere Idee, die wir seit einiger Zeit in Gràcia testen und beginne, in Sant Martí umsetzen, ist im Grunde sehr simpel", sagt Rueda. "Wir teilen den größten Teil der Innenstadt in so genannte Superilles - Superblocks - auf, in deren Zentren man nur noch auf Einbahnstraßen und auch nur noch mit maximal zehn Stundenkilometer einfahren darf.“

Was der freundliche Herr Rueda sagen will: Superblocks sind ein riesiges Verkehrsleitsystem mit maximalen Restriktionen.

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Der Ansatz der Superblocks ist radikal, doch die positiven Hochrechungen sind auch unter den lautstarken Gegnern der Pläne unbestritten. Mittelfristig sind ein Fünftel weniger Verkehrsaufkommen, 60 Prozent mehr Straßenfläche für Passanten und Anwohner, rasantes Anwachsen der Grünflächen zu erwarten. Über 18.000 Asthma-Attacken weniger, 12.000 Bronchitis-Anfälle weniger. Pro Jahr.

Flankieren werden Rueda und seine Stadtplaner die Superblocks mit neuen Buslinien, Fahrradwegen, Fußgängerbrücken, Grünanlagen.

Und hoffentlich vielen privaten Initiativen, schließt Rueda das Gespräch: "Sagen sie Cabrera Costa und Energica, das sie auf dem richtigen Weg sind. Wir brauchen Vermieter wie ihn und jede Alternative zur fossilen Mobilität."




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In Barcelona kann man Teslas und E-Motorräder von Energica bei Borja Cabrera Costa mieten.

Borja bietet die Roadster Energica Eva und den E-Supersportler Ego an.

Buchen:
barcelonagreenelectriccars.com 

Die Energicas kosten 225 Euro pro Tag; auf Anfrage gibt es Packages, Ladekarten und Routentips.

Infos über die Energica Eva unter
  http://www.energicamotor.com

Ausrüstung: 
Helm X-lite X-502 Puro Ultra Carbon
Lederjacke AJS "1921" von Louis


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